3D-Druck: Spielerei oder digitale Medizinrevolution?

BITKOM, der Digitalverband Deutschlands, hat in einem Positionspapier das Thema 3D-Druck bearbeitet. Auch der medizinische Bereich ist von der Digitalisierung und dem Aufkommen additiver Fertigungsverfahren betroffen, denn diese Technologien bieten für die Medizin immense Vorteile.

Immer wenn Produkte besonders eng mit dem Körper interagieren, ist Individualität gefragt. Ein wichtiges Beispiel dafür sind Medizinprodukte und medizinische Hilfsmittel. Bisher bedeutete die Anpassung von Produkten an den Körper viel Handarbeit, langwierige Herstellung und hohe Kosten. Mit dem Erscheinen der 3D-Drucker verändert sich dies radikal, denn mit den additiven Technologien lassen sich hochindividualisierte Hilfsmittel viel günstiger und schneller produzieren.

Ein gutes Beispiel, bei dem individualisierte Produkte kein Luxus, sondern schlichte Lebenserleichterung sind, ist die Prothetik. Prothesen müssen individuell angepasst werden und befindet sich der Körper des Patienten beispielsweise dazu noch im Wachstum, ist dies sogar mehrfach der Fall. Was in den reichen Industrieländern noch gelingen mag, ist in der dritten Welt – also gerade dort, wo es durch Kriege, Minen und Unglücksfälle besonders viele Betroffene gibt – schlicht zu teuer. Hier könnte ein gut durchdachter Prozess aus 3D-Scannen und 3D-Druck ein Segen für zumindest einen größeren Anteil der Bevölkerung sein.

CAD und 3D-Druck in der Prothetik
Moderne Knie- und Hüftprothesen dank CAD und 3D-Druck – Bild: Thinkstock

Auch in der Implantationschirurgie ergeben sich Vorteile: Statt weniger Baugrößen steht dem Operateur nun ein passgenaues, an den einzelnen Patienten angepasstes Knie- oder Hüftgelenk zur Verfügung, was allein schon beim Einpassen große Vorteile mit sich bringt. Zudem dürfte eine individuell angepasste Lösung mehr Festigkeit aufweisen als eine grob angepasste. Ein wichtiger Schritt in Bezug auf die Festigkeit sind Gitterstrukturen, die es ermöglichen, dass der Knochen in das Implantat hineinwächst und die Verbindung so mit der Zeit immer stärker wird. Solche Strukturen lassen sich mit 3D-Druckern sehr gut fertigen und werden heute schon implantiert.

Im Dentalbereich ist die 3D-Druck-Revolution schon fast vorbei – die additive Fertigung von Spangen, Brücken, Implantaten, Kronen und Füllungen hat sich auf breiter Front durchgesetzt. In dieser Branche zeigt sich jedoch auch der Knackpunkt des 3D-Druck-Einsatzes: Die meisten Zahnärzte sind nicht in der Lage, digitale Vorlagen zu liefern. Und so werden heute noch herkömmliche Abdrucke mühsam eingescannt, um dann in einem digitalen Prozess die Daten für die additive Fertigung zu erzeugen.

Der Grund für die „analoge Insel“ in der Praxis ist jedoch nicht unbedingt, dass die Zahnärzte die Digitaltechnik ablehnen würden, sondern dass diese recht kostspielig und oft auch schwierig zu bedienen ist. Der Zahnarzt versteht sich als Mediziner, nicht als „Technik-Bediener“. Dementsprechend müssen die Maschinen, Geräte und auch die Software und die Prozesse möglichst einfach bedienbar sein, damit der Arzt sich seiner eigentlichen Aufgabe widmen kann: Dem Heilen von Menschen.

Der BITKOM rät der Politik unter anderem, den 3D-Druck in der Ausbildung stärker zu berücksichtigen und Handelshemmnisse zu beseitigen. Die vielen kleinen und mittleren Unternehmen, die die Basis der Medizintechnikbranche in Deutschland bilden, sollten sich unabhängig davon schnell in die neuen Technologien einarbeiten und die Chancen nutzen, die Digitalisierung und additive Technologien bieten. Eine der wichtigsten Eigenschaften der Digitalisierung ist ja, dass die Unternehmensgröße keine Bedeutung mehr hat – ein kleiner Anbieter kann schnell zum Marktführer aufsteigen, eine neue Technologie die bekannten Marktteilnehmer hinwegfegen. Da gilt es, vorn auf der Welle mitzuschwimmen und jetzt die richtigen Weichen zu stellen und die richtigen Technologien zu wählen – auch und gerade im Bereich der Medizintechnik.

Steffi Dondit

Steffi Dondit ist „EuroCentral Senior Public Affairs Specialist” bei Dassault Systèmes. Ihre Aufgabe ist es, Kontakt zu Verbänden, Netzwerken und in die Politik zu halten. Die Trends und Ergebnisse ihrer Arbeit fließen als direkter Input auch immer wieder in neue Projekte in der Region ein.